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07.02.02

Heute also soll der Tag folgen, der bestimmen wird, wie es weiter geht. Bekomme ich noch eine weitere Chemo-Behandlung oder nicht? Für 10 Uhr war die Untersuchung geplant. Am Abend zuvor musste ich noch Abführmittel schlucken, damit beim CT auch alles gut zu sehen ist. Nichts darf mehr im Magen drin bleiben. Den "flotten Heinrich (Durchfall)" hatte ich den ganzen Abend und so war an Schlaf kaum zu denken. Doch an diesem Morgen kam der Schrecken in der Frühe. Als ich zum Klo musste, hatte ich einen etwas dickflüssigeren Stuhlgang. Ich sah schon meine Untersuchung platzen. Ich glaubte das mein Darm nicht ganz leer sei. Trotzdem fuhren meine Frau und ich zum Krankenhaus.  Zunächst wurde noch mal Blut abgezapft, und dann hieß es warten. Über eine Stunde saßen wir im Wartezimmer und endlich war es soweit. Mit zittrigen Knien ging ich in den Untersuchungsraum. meine Frau musste draußen bleib. Zunächst habe ich dem Arzt von meinem etwas festeren Stuhlgang erzählt und gefragt ob denn eine Untersuchung überhaupt möglich sei? Er beruhigte mich und sagte, das ja im Prinzip alles raus wäre und sie so genug sehen könnten. Na ja, beruhigt hatte mich das gerade nicht, aber zumindest konnte es losgehen. Also rein ins Gefecht.  Ich legte mich auf die Bahre und wurde sogleich angeklemmt. Wieder einmal hatte ich in meinem Arm eine Nadel. Doch diesmal, das tröstet mich zumindest, war diese Nadel nur für knapp eine Viertelstunde im Arm.  Jetzt wurde ich langsam in die Röhre gefahren und dann hieß es dauernd:" Bitte einatmen und die Luft anhalten". Kurze Pause und dann: "Bitte weiter atmen." 20 Mal hörte ich das. Diesmal hatte ich mitgezählt, denn ich versuchte meine Nervosität zu unterdrücken. Doch das klappte irgendwie nicht. Nach einer Viertelstunde war dann alles vorbei. Ich durfte zu meiner Frau und dann saßen wir. Unzählige Minuten - es schien mir wie eine Ewigkeit, die nie enden wollte. Ich glaube knapp eine Stunde haben wir gewartet. Dann kam der Arzt mit den Bildern. Er klemmte sie an einem erleuchteten Hintergrund und dann dieser Satz:" Ich glaube da sind noch drei Punkte. Es scheint nicht alles weggegangen zu sein." Peng, nun also ist die Entscheidung gefallen. Ich muss weiter dieses Körpervernichtungszeug namens Chemo durch meinen Körper fließen lassen. Meine Frau und ich schauten uns nur an und dachten beide das gleiche. Doch dann fiel mir ein, Mensch, du hattest doch vorher fünf Lymphknotenvergrößerungen. Also hat die Chemo ja vorher schon geholfen. das gab mir Hoffnung und das sagte ich sofort zu meiner Frau. Es war ein Strohhalm an dem wir uns klammerten. Dann unterbrach der Arzt meine Gedanken. Er könne es aber nicht mit Sicherheit sagen, ob diese drei Punkte etwas mit Krebs zu tun haben. Er müsse erst die Bilder der ersten Untersuchung haben, auf der meine Lymphknotenvergrößerungen zu sehen seien. Am besten aber wäre es, wenn der Chefarzt sich die Bilder noch mal anschauen würde, außerdem hätte er das Ergebnis der Blutuntersuchung. Also wieder mal warten. Es zerrte ganz schön an unsere Nerven. Diesmal aber dauerte es nicht lange und der Chefarzt bat uns herein. Er schaute sich die neuesten Röntgenbilder genau an und was er dann sagte, glich einer Folter. "Es tut mir leid, ich kann jetzt noch gar nichts sagen, denn ich habe die Vergleichsbilder nicht und die bekomme ich erst heut ganz spät. Kommen Sie bitte morgen wieder." Meine Frau und ich waren sprachlos. Am nächsten Tag um 14 Uhr sollen wir wieder kommen. Ich schaute auf meine Uhr. Es war gerade  kurz vor 2. Ganze 24 Stunden soll ich jetzt auf mein Urteil warten. Erst als wir wieder im Auto saßen, konnten wir die ersten Worte wieder wechseln, so tief saß der Stachel, den uns der Arzt verpasst hatte. Zu Hause angekommen legte ich mich zunächst aufs Sofa. Richtig ruhig liegen konnte ich nicht und schlafen wollte ich nicht. Viel zu sehr kreisten die Gedanken. Was ist, wenn es doch noch Krebs ist? Wie viel Chemo-Zyklen muss ich noch ertragen? Immer wieder versuchte ich auch das positive zu sehen. Wenn es Krebs ist, dann weiß ich aber, das die Chemo bisher geholfen hatte. Am schönsten wäre natürlich, wenn das kein Krebs wäre. Dann könnte ich am nächsten Montag sofort zur Anschlussheilbehandlung fahren. Genau auf den Geburtstag meiner Frau. Das wäre das schönste Geschenk für meine Frau, die dann wüsste, es ist alle überstanden. Irgendwann, ganz spät in der Nacht sind wir dann ins Bett gegangen.

 

08.02.02

bis

10.02.02

Tja, das ist also der Tag des Schicksals. Die Gedanken, die noch am Abend hatte, die hatte ich direkt wieder beim Aufwachen. Was soll ich denn bis 13 Uhr 30 machen? Das sind doch noch fast 5 Stunden. Ich war schon am verzweifeln. Also setzte ich mich an meinen Computer und habe mein Tagebuch weiter geschrieben, was ich seit ein paar tagen auch nicht geschafft hatte. Oft genug blieb ich im Text hängen. Für sage und schreibe 10 Zeilen, hatte ich 3 Stunden gebraucht. Diese Drei Stunden wir zumindest um, aber dann konnte ich nicht mehr. meine Konzentration war einfach wie weggeblasen. Gut das es dann endlich was zu Essen gab. Auch so bekam ich die Zeit um. Wie es meiner Frau erging, das hatte ich in diesen Stunden gar nicht bemerkt. ich war viel zu viel mit mir selber beschäftigt. Erst als es ca. 13 Uhr war, habe ich sie das erste Mal an diesem tag angeschaut. Sie sah sehr verspannt aus. Auch bei ihr lagen die Nerven blank. Aber sie lächelte mich an, sprach mir Mut zu und hoffte, das ich ihre Anspannung nicht mitbekam. Doch so gut konnte sie das nicht verbergen. ich hatte es bemerkt und ihr aber nichts gesagt. Na dann wurde es langsam Zeit. Um Halb Zwei sind wir dann endlich losgefahren. Unsere Kinder und meine Schwiegereltern wünschten uns viel Glück und drückten uns die Daumen. Im Krankenhaus angekommen, sind wir direkt, ohne anzuklopfen, ins Vorzimmer des Chefarztes gegangen. Die Arzthelferin schaute zwar verdutzt, aber sagte nichts. Wir sollten draußen noch ein wenig Platz nehmen, der Chefarzt käme sofort. Tja, aus dem sofort wurden bange 40 Minuten. Ich wurde immer kleiner und rutschte schon fast vom Stuhl herunter, bis um 14:31 Uhr (ich habe auf die Uhr gesehen) der Arzt kam. Er hatte einen Kollegen dabei, der mich während der Krankenhausaufenthalte betreut hatte. ich versuchte in seinem Gesicht zu lesen, was er wohl denken mag, als er sich die Röntgen-Bilder anschaute. Vergeblich. Auch beim Chefarzt war nichts zu erkennen. Dann begann die Zitterpartie in die Verlängerung zu gehen. Der Chefarzt versuchte das aktuelle Bild mit den ersten Aufnahmen zu vergleichen. Doch wo waren die? Der Arzt selber konnte sie nicht finden. 10 Minuten ging das so, und dann nahm der Chefarzt den Bericht von der Blutuntersuchung. Zunächst las er leise, und meine Ohren wurden immer länger, denn ich wollte doch mitbekommen, was in dem Bericht stand. 

 

Was jetzt kam, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, denn es war die Entscheidung. 

"Ja, das sieht so aus..., " und dann stockte der Chefarzt. " Ich glaube dass ich das noch mal lesen muss." Ich wusste gar nicht was ich denken sollte. war auch ganz gut so, denn der Chefarzt las diesmal den bericht laut vor. Den Anfang bekam ich gar nicht so richtig mit. Alles nur Fachchinesisch, aber ab einer ganz bestimmten Stelle, konnte ich zunächst nicht glauben, was da vorgelesen wurde. "..... ist eine weitere Behandlung nicht mehr nötig." Hat er jetzt wirklich gesagt, es ist vorbei, ich habe keinen Krebs mehr? Konnte das sein? Meine Frau und ich schauten uns an. dann las der Chefarzt den Bericht noch einmal laut vor. Und wieder diese Stelle: "..... ist eine weitere Behandlung nicht mehr nötig." Ja, ich hatte mich nicht verhört. Wollte aber auf Nummer sicher gehen. Also habe ich den Arzt gefragt, wie es weiter geht, ob ich jetzt zur Anschlussheilbehandlung fahren könne? Das klare "JA" war das schönste "JA", was ich je gehört hatte. Anmerkung: Allerdings mit Abstand nach dem "JA" meiner Frau bei der Hochzeit.  Ich weiß nicht mehr, wie groß der Steinbrocken war, der herunterpurzelte. Es muss schon ein riesiger Brocken gewesen sein. Der Assistenzarzt rief sofort bei der Kurklinik an um denen dort mitzuteilen, dass ich am Montag kommen werde. Ich glaube, ich habe mich mehrfach bei beiden Ärzten für die gute Behandlung bedankt und bin anschließend noch zur Station gelaufen, auf der ich viele Wochen verbrachte. Auch beim Personal bin ich gewesen und habe mich auch dort noch einmal bedankt. Sie alle hatten sich viel Mühe gegeben, damit ich wieder auf die Beine kam. Aber das hatten sie auch für alle anderen Patienten getan. Auf dem weg nach draußen, konnte ich meine Freudentränen nicht mehr zurückhalten. Es lief einfach. Und dann kam der Moment, da müssen mich wohl viele für bekloppt gehalten haben. Wie seinerseits Rocky in Teil 1, als er die Treppe hoch rannte und seine Fäuste in die Luft streckte, so bin ich aus dem Krankenhaus raus gerannt, die Arme nach oben gestreckt und in die Luft gesprungen, - wie oft weiß ich nicht mehr - und immer wieder habe ich JAAAA geschrieen. Als ich mich nach einiger Zeit ein wenig gefangen hatte, nahm ich meine Frau in die Arme. Beide haben wir vor Freude geweint. Arm in Arm sind wir zum Auto gegangen, haben das Handy aus dem Auto geholt und jeden angerufen, der uns die ganze Zeit unterstützt hatte. Zwar hat kaum einer etwas verstanden, weil wir dabei viel geheult hatten, aber letztendlich wusste jeder Bescheid - ES IST GESCHAFFT. Die nächsten drei Tage bis zu meiner Anschlussheilbehandlung vergingen wie im Fluge. Wir mussten noch meine Koffer packen und einiges erledigen. Es waren zwar drei tage im Stress, aber es waren die ersten im neuen Leben. Ich darf wieder leben und habe den Krebs besiegt.

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