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15.12.01 bis 16.12.01

Endlich wieder zu Hause. Diesmal bekam ich Tabletten gegen meine Übelkeit mit. Denn noch ein bis zwei Tage nach dem letzten Behandlungstag wirken die Medikamente und es könnte zur Übelkeit kommen. Also mitnehmen und Vorbeugen, lautete die Devise. Als meine Frau mich vom Krankenhaus abholte war ich doch reichlich gezeichnet von der Behandlung. Jeden Tag gut 4,5 Liter Flüssigkeit abzukriegen ist nun mal kein Pappenstiel. Zu Hause angekommen, habe ich mich erst einmal über meine Familie gefreut. Denn die ist es, die durch ihre Gegenwart mir hilft über alles hinweg zu kommen. Da ich aber sehr schlapp war, legte ich mich dann schnell auf die Couch. Ins Bett wollte ich nicht, denn wenn ich im Schlafzimmer gelegen hätte, würde ich von meiner Familie nur wenig mitbekommen. Und im Wohnzimmer tauchte der ein oder andere schon mal auf, und das tat richtig gut. Was mir allerdings immer schwerer fällt ist das Tagebuch weiter zu schreiben. Irgendwie werden meine grauen Zellen auch angegriffen. Das hat mir der behandelnde Arzt gesagt. Es könnte zum teilweise kurzfristigen Verlust des Kurzzeitgedächtnisses kommen. Das würde allerdings nach der Behandlung wieder verschwinden. Irgendwie bekam ich an diesem Tag auch wenig mit. Ich bin schnell auf der Couch eingeschlafen und mich hatte keiner gestört. Einfach toll wie sich meine Familie um mich kümmert und wie viel Rücksicht genommen wird. Nur das war auch ein Problem. Irgendwie fand ich das ja ganz toll, aber andererseits hatten meine Frau, meine Kinder und auch Schwiegereltern ja auch noch was anderes zu tun, als sich nur um mich zu kümmern. Also sagte ich ihnen, das sie auch mal an sich denken sollten. Ich bin zwar krank, aber ich werde überleben. Doch so richtig hören wollte keiner auf mich. Vielleicht war ich einfach nicht überzeugend genug. Wie dem auch sei, in den nächsten Tagen waren viele Menschen um mich herum um mich aufzubauen. Das war allerdings überflüssig, so empfand ich das zumindest. Zum Teil war es auch nervig. Nur das habe ich nie gesagt, sondern nur gedacht. Tja, und dann kam das, wovor ich mich am meisten gefürchtet hatte. Ich bekam eine Erkältung. Normalerweise ist das nichts Schlimmes. Aber bei mir war das diesmal gefährlich. Sooft hört man davon, das Krebspatienten nicht an den Krebs sterben, sondern an andere Krankheiten, die während der Behandlung auftauchen. So zum Beispiel auch an einer Lungenentzündung, die bekanntlich schnell durch eine Erkältung entstehen kann. So bekam ich doch recht reichlich Angst, das auch ich eine Lungenentzündung bekommen würde. mein Körper hatte keine Abwehrstoffe mehr und das machte die Sache nicht gerade einfach. Mit Medikamenten konnte meine Erkältung nicht behandelt werden, da bis auf die Chemo nichts helfen würde. Da musste ich jetzt durch. meiner Familie habe ich von meiner Angst nichts erzählt, aber ich glaube, das sie gemerkt hatte, dass mich etwas bedrückt. So blieb ich dann zwei Tage im Bett liegen und hoffte das alles wieder besser wird.

 

17.12.01

bis
30.12.01

Heute also sollte die nächste ambulante Behandlung erfolgen. Es ist ja nur eine Spritze , die man, im Gegensatz zur stationären Behandlung, gut wegstecken kann, wenn, ja wenn man alles direkt hintereinander durchzieht. Mit ganz gemischten Gefühlen hat meine Frau mich zum Krankenhaus gebracht. Ich war sehr still, das merkte sie auch, aber sie hatte mich nichts gefragt. Ich glaube, sie hat gespürt, das ich Angst vor der Blutuntersuchung hatte. Meine Befürchtung hatte sich bestätigt. Durch meine Erkältung, waren meine Blutwerte so schlecht, das ich die Spritze nicht bekommen durfte. Ich sollte 2 Tage später wieder kommen. Dadurch wurde aber der gesamte Behandlungsplan durch einander gewirbelt. Normalerweise wäre ich am Heiligabend wieder ins Krankenhaus gegangen. Nur das konnte ich mir jetzt abschminken. Denn frühestens 8 Tage nach der ambulanten Spritze, darf erst eine stationäre Behandlung wieder durchgeführt werden. Auch zwei Tage später konnte ich meine Spritze nicht bekommen, da ich immer noch sehr erkältet war und die Blutwerte unter aller Saus waren. Durch die kommenden Feiertage sollte ich also meine Spritze am 27. Dezember bekommen. Das hieße: Frühestens am 07. Januar 2002 hätte ich meine stationäre Behandlung weiterführen können. Erst einmal hieß es aber die Erkältung in den Griff zu kriegen. Zumindest hat sich in den nächsten Tagen meine Erkältung leicht verbessert und auch meine Laune stieg wieder. Denn meine Angst, eine Lungenentzündung zu bekommen, bestätigte sich Gott sei Dank nicht. irgendwie hatte mein Körper es geschafft die für mich gefährlichen Killerviren nicht bis zur Lunge vordringen zu lassen. 
Ich schaffte es sogar ein wenig mit meiner Frau raus zugehen. Wir gingen über den kleinen Weihnachtsmarkt in Borken. Aufgefallen ist mir dort der Stand einer Krebsselbsthilfegruppe für Frauen. Ich habe mir zunächst ein paar Unterlagen durchgelesen, fand aber nirgends etwas über andere Selbsthilfegruppen zum Thema Krebs. Auf meine Frage ob sie irgendeine Info für Selbsthilfegruppen, zum Beispiel für Männer hätten, gab es zunächst nur ein Kopfschütteln. Außerdem gab es eine Auskunft die mich total geschockt hatte. 

Zitat: "Was interessieren uns die Männer. Wir sind eine Selbsthilfegruppe für Frauen" - Zitatende.

Das hatte mich total umgehauen. Wir sind doch Leidensge- nossen, alle haben Krebs. Warum also der Unterschied zwischen Frauen und Männer? Ich konnte das gar nicht glauben, was ich da gehört hatte. Ich habe das gedacht und den Frauen nicht gesagt. Viel zu tief saß der Schock über diese Antwort. Das beschäftigte mich auch noch die nächsten Tagen. Wie kann man nur so verbohrt sein und nur in eine Richtung und an Geschlechterkampf denken. Wenn ich in einer Krebs-Selbsthilfegruppe wäre, dann würde ich irgendwie versuchen, Informationen über andere Gruppen herauszube- kommen, damit ich dieses weitergeben kann. 
Am 27. Dezember konnte ich mir dann meine Spritze abholen. Normalerweise habe ich jede Spritze gut vertragen. Nur diesmal war es schon ein bisschen anders. Die letzte stationäre Behandlung lag zu lange zurück, und so merkte ich einige Stunden später doch die Wirkung. Ich bekam leichte Schwindelgefühle, leichte Würgegefühle und ich fühlte mich sehr schlapp. Dank meines eisernen Willen bekam ich aber alles im Griff. Was mir zu schaffen machte, war die Verschiebung der nächsten Behandlung. Nach meiner Rechnung hätte ich am 07.01.02 wieder ins Krankenhaus gehen sollen, nur hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das Krankenhaus hatte keinen Platz mehr und so hieß es, am 14.01.02 geht es weiter. Nun gut dachte ich mir, wenn es so sein soll, kann ich es auch nicht ändern und dann wird das beste daraus gemacht. Am 28.12.01 hatten wir eine Weihnachtsfeier vom Betrieb und ich wollte mir das nicht entgehen lassen. Das war wieder so einer dieser Tage, die mich aufbauten. Frisch fromm fröhlich frei (oben ohne) sind meine Frau und ich zur Weihnachtsfeier gefahren. Zunächst überlegte ich noch, ob ich wegen meiner Glatze die ganze Zeit meine Wollmütze auflassen sollte. Doch diesen Gedanken hatte ich nur kurz. Ich habe eine so schöne Kopfform, das die Glatze wiederum so wirkte, als sei sie gewollt und sie stand mir. Also nahm ich bei der Feier meine Mütze ab. Was auch gut tat , aber teilweise auch nervte, waren die Bemerkungen einiger Kollegen. " Ich bewundere dich wie du damit umgehst, ich könnte das nicht" war am häufigsten zu hören. So wirkte ich aber nur nach außen. Im innersten sah es teilweise anders aus. Ich wollte stark sein, das habe ich auch geschafft, aber es war nicht immer leicht so zu wirken. Irgendwann ließen die Komplimente meiner Kollegen nach und den Abend haben meine Frau und ich richtig genossen. Ich bekam wieder gute Laune. das wiederum brauchte mein Körper. Irgendwann, so gegen Mitternacht war ich dann doch so geschafft, das wir nach Hause fuhren.

 

31.12.01

Tja, das ist er nun, der letzte Tag im Jahr. Noch vor wenigen Wochen hatte ich gedacht, es wird das letzte Silvesterfest sein, das ich feire. Doch jetzt freute ich mich auf diesen Tag. Ich wusste, es ist nicht das letzte Mal, das meine Familie und ich zusammen feiern werden. Es werden noch viele Feiertage folgen. Schon Morgens begann ich für den Abend ein paar Kerzen aufzustellen und zu planen, wie ich es schaffen werde, gegen Mitternacht nach draußen zu gehen. Angst hatte ich immer noch vor einer Lungenent- zündung. ich musste mich also nur richtig schützen. Tagsüber legte ich mich noch mal auf die Couch um ein bisschen zu schlafen. Ich wollte doch fit sein für den Abend, der für mich diesmal etwas ganz Besonders war. - Ich darf weiterleben -. Dieses Gefühl teilte ich mit meiner Frau, die mir soviel in dieser schweren Zeit gegeben hatte. Ich drückte sie und bedankte mich für alles was sie bisher getan hatte. Es ist nicht immer selbstverständlich, das ein Mensch sich so für einen anderen aufopfert, sie hat getan. Nur manchmal musste ich ihr sinnbildlich einen Tritt in den Hintern geben, denn nur für mich dazu sein ist nicht unbedingt gut für ihren Körper. Ihre Kräfte haben ganz schön gelitten. Ich  forderte sie auf, auch mal an sich zu denken. Denn mit Familie, Beruf und meiner Pflege war ihr Alltag mehr als belastend. Also sollte sie mal ein Tag nur an sich denken, und das tun was für sie das Beste wäre, nämlich sich einfach mal Ruhe antun. Na da hab´ ich wohl gegen die Wand geredet. Irgendwie wollte sie nicht auf mich hören. Als ich aber auf der Couch lag und ein wenig schlief, genoss sie die Stille, weil die Kinder bei den Schwiegereltern waren. In dieser Zeit machte sie auch ein Nickerchen. Ich hatte das zwischendurch mal mitbekommen und war froh, das auch sie endlich mal ein bisschen zur Ruhe kam. Gegen 20 Uhr begannen dann die Vorbereitungen für unsere kleine aber besondere Silvesterfeier. Ich konnte zwar nicht viel machen, aber alleine dadurch, das ich dabei saß, machte das schon zu etwas Besonderem.  Wir spielten, sahen ein bisschen fern und knabberten ein paar Salzstangen. Wir hatten unseren Spaß und waren schon lange nicht mehr so ausgelassen, wie an diesem Abend. Um kurz vor 24 Uhr sind wir nach draußen gegangen und haben den Jahreswechsel erwartet. Punkt 0:00 Uhr leuchtet der Himmel in den schönsten Farben, und mir standen die Tränen in den Augen. Denn noch nie habe ich so intensiv etwas mitbekommen wie in dieser Nacht. Ich war länger draußen als ich eigentlich wollte. Doch irgendwann war Schluss. Im Haus angekommen habe ich all die angerufen, die mir wichtig waren. Und es waren nicht wenige, denn viele von denen haben sich immer gemeldet und meine Familie und mich im bisherigen Behandlungszeitraum unterstützt.  Erst als ich alle erreicht hatte, ging ich zufrieden und mit einem Lächeln ins Bett. 

 

01.01.02

bis

13.01.02

Ein neues Jahr ist angefangen und meine Lieben dürfen mich behalten. Schöner kann ein neues Jahr nicht beginnen und ich weiß, wenn ich meinen dritten Behandlungszyklus hinter mir habe, ist das Schlimmste geschafft. Da war ich mir ganz sicher. Diese Woche haben wir, soweit es ging, viel unternommen. Mein 14 jähriger Sohn, der bei seiner Mutter lebt, kam jetzt häufiger zu Besuch. Auch bei ihm merkte man, das meine Krankheit ihn sehr verändert hatte. Er wurde nachdenklicher, aber auch gleichzeitig offener. Hatte er mich früher nicht so oft in den Arm genommen, so tat er es in dieser Zeit viel häufiger. Er war aber beruhigt, als er wusste, das ich überleben werde. Für ihn war das besonders wichtig. Denn als er von meiner Krankheit erfuhr, ist zum gleichen Zeitpunkt einer seiner Lehrer an Krebs erkrankt gewesen und kurz darauf gestorben. Das hatte ihn sehr belastet. Aber das ist jetzt vorbei. Er wusste, ich werde diesen Krebs besiegen. Teilweise war er schon erstaunt über meine Selbstsicherheit, das ich so überzeugt war den Krebs zu besiegen. Manchmal hatte er mich gefragt, warum ich mir so sicher sei. Als Antwort bekam er von mir zu hören: "Ich will leben und mein Bauch sagt mir, das ich den Krebs besiegen werde. Außerdem sei Hodenkrebs zu 99,9% heilbar." 
In den 12 Tagen, bis zum nächsten Krankenhausaufenthalt, sind wir häufig raus gefahren. Wir waren viel unter Menschen und ich freute mich über jede Kleinigkeit, die nur irgendetwas von Freude zeigte. Sei es ein Kind, das auf einer Schaukel saß und fröhlich vor sich hinträllerte, oder ein Kind, das sich vor einem Vogel setzte und ihn streicheln wollte. Es waren Dinge, die ich vorher noch nie so registriert hatte. Jetzt sah ich plötzlich mehr. Es gab so viele glückliche Momente, das ich sogar teilweise meine Krankheit vergaß.

Es gab aber auch Tage an denen ich absolut zu nichts zu gebrauchen war. Dann war meine Stimmung auf dem Tiefpunkt und ich war gereizt bis zum geht nicht mehr. Besonders bemerkbar machte sich das an einem Spielabend mit Freunden. Ich konnte mich nicht richtig konzentrieren und verlor dementsprechend häufiger als sonst. Tja und das machte mich wütend. Innerlich kochte ich und auch ein paar Mal wurde ich laut und versaute dadurch die bisher gute Stimmung. Damit aber nicht noch mehr versaut wurde, brach ich ab und sagte meinen Freunden, das sie alleine weiterspielen sollten. Es würde nichts bringen, denn ich bin gereizt und würde nur miese Stimmung verbreiten. Die Antwort von meinen Mitspielern war mich verblüffend. „Du kannst doch nichts dafür, durch Deine Behandlung bist du nun mal schneller gereizt. Das wird sich wieder legen.“ Die wollten doch tastsächlich mit einem Grießgram, der nur schei… Laune hatte, weiterspielen. In dem Moment verstand ich die Welt nicht mehr. Sie alle wollten weiterspielen. OK, das taten wir auch nur noch kurz, denn ich bekam einen erneuten Anfall. Diesmal bin ich aber aufgestanden und einfach gegangen. Zum ersten Mal während meiner Behandlung fand ich mich abstoßend. Ich habe andere Menschen angegriffen, die mich mögen und ich maule sie auch noch an. Es war eine bittere Erfahrung, die ich eigentlich nie hätte machen wollen. Aber das scheint völlig normal zu sein, dass man sich durch die Chemotherapie teilweise nicht unter Kontrolle hat. Einfach ausrasten ist eine absolute normale Körperreaktion, vor allem, wenn man auch noch erfährt, das einem das Kurzzeitgedächtnis in Stich lässt. Das soll aber später wieder normal werden.

Trotz dieser Attacken, die Gott sei Dank nicht so häufig auftraten, war es die bisher die schönste Zeit während meiner Krankheit. Noch nie hatten meine Frau, die Kinder soviel gelacht wie in dieser Zeit. Wir alle wirkten sehr gelöst. Wussten wir doch, es ist bald vorbei. Nur noch einmal ins Krankenhaus, sich voll laufen lassen und eine Spritze. dann die Abschlussuntersuchung und dann sofort in eine Anschlussheilbehandlung. Aber bis dahin sind es dann noch ein paar Tage. 

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