
Begonnen hat alles etwa 14 Tage vor meinem Arztbesuch am
08.10.01 als ich
die Hiobsbotschaft erhielt.
Meine Frau entdeckte während der schönsten
Nebensache der Welt das irgendetwas mit meinem rechten Hoden nicht stimmte. Sie
sprach mich direkt darauf an. Ich selber hatte nie etwas bemerkt. Ich hatte
keine Schmerzen und fühlte mich gesund. Trotzdem - der erste Gedanke der mir
durch den Kopf schoss --- KREBS. Diese Unruhe und Ungewissheit machte mich in
den darauf folgenden Tagen doch ganz schön kribbelig. Das Geschwür wurde nicht
kleiner und ich begann immer mehr mich mit dem Gedanken auseinander zusetzen,
das ich Hodenkrebs hatte. Genau wusste ich es noch nicht, aber meine Vermutung
ging stark dahin.
| 05.10.01 |
Am Morgen habe ich mit meiner Frau noch mal über das
große Problem am rechten Hoden gesprochen. Ihr versprach ich, trotz
großer Angst vor der Diagnose, heute gehe ich zum Arzt. So verabschiedete
ich mich und fuhr zur Arbeit. Mit dem festen Vorhaben am Nachmittag zum
Arzt zu gehen, habe ich den Urologen angerufen um mir einen Termin geben
zu lassen. Die Sprechstundenhilfe sagte mir, dass Termine nicht mehr
vergeben werden. Aber ich könnte am Nachmittag rein kommen, es wäre am
Freitagnachmittag nicht so viel los. Jetzt begann ich doch noch richtig
nervös zu werden. In dem Moment tat es mir gut, das ich unverhoffte Weise
eine Arbeit bekam, die mich vorerst von meinem Problem Gedanklich
befreite. Am späten Nachmittag allerdings war es zu spät für einen
Arztbesuch. Also rief ich erneut in der Praxis an um mich für den
nächsten Montag anzumelden. Ich wollte früh da sein, um nicht lange zu
warten, da ich bereits ab 11 Uhr einen Pressetermin hatte. (Anmerkung:
Ich bin freier Journalist). Na ja, irgendwie war ich schon froh das
ich heute nicht beim Arzt war, aber andererseits wurde mein Problem
dadurch nicht kleiner und meine Angst immer größer. |
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| 06.10.01 |
Heute wollte ich mir über gar nichts den Kopf
zerbrechen. Meine eventuelle Krankheit versuchte ich einfach zu ignorieren
um zur Arbeit zu fahren. Ich hatte noch eine Sendung zu moderieren und
dafür brauchte ich eben meine volle Konzentration. Das klappte auch recht
gut, solange wie ich mich auf die Arbeit konzentrierte. Kaum aber, wo ich
mich mal kurz ausruhen wollte, war das Problem mit meinem Hoden wieder da.
Alle Gedanken schwirrten nur um das Geschwür am rechten Hoden. Kurz vor
Sendebeginn hatte ich mich so einiger maßen wieder im Griff. Dachte
ich - denn während der Sendung war ich nicht so konzentriert wie ich
wollte. Dadurch schlichen sich ein paar Fehler ein, die vor dem Radio
hoffentlich kaum einer mitbekommen hatte. Geärgert habe ich mich schon
darüber, aber nicht so wie sonst. Denn das Problem mit meiner Hode war
schon wichtiger. Nach der Sendung fuhr ich wieder nach Hause. Dort konnte
ich dann plötzlich loslassen und hatte endlich mal wieder ein paar
Stunden ohne Problemgedanken. Erst wo ich mich jetzt hingesetzt habe
um diese Zeilen zu schreiben, kam die Angst wieder. Die Angst davor, Krebs
zu haben. |
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| 07.10.01 |
Nach einer doch etwas unruhigen Nacht habe ich
das gemeinsame Frühstück mit meiner Familie so richtig genossen. Als
wenn ich es bereits ahnen würde das ich Krebs habe, sah ich irgendwie
alles um mich herum anders. Kleinigkeiten, bei denen ich so oft die Decke
hoch geklettert wäre, konnten mich gar nicht mehr aufregen. Ich nahm
alles ruhiger und gelassener hin, so als wenn ich ab heute jeden Tag
genießen würde als sei er mein letzter Tag. Mit viel Ruhe und
Gelassenheit genoss ich den Tag mit meiner Familie. Am Nachmittag bin ich
dann für ein paar Stunden zum Sender gefahren um zu arbeiten. Meine
Nachrichten habe ich ohne Probleme und ohne Fehler gelesen. Irgendwie war
ich ruhig. Doch es war scheinbar die Ruhe vor dem Sturm. Denn kaum dass
ich zu bett gehen wollte, wurde meine Angst immer größer. Ich versuchte
mir vorzustellen was passieren würde, wenn der Arzt mir sagt :
HODENKREBS. Doch all meine Vorstellungskraft reichte nicht aus. Denn das
ist etwas, was man nicht erahnen kann, sondern erlebt und dann fühlt.
Irgendwann war ich schließlich doch so müde, dass ich mich ins Bett
legte und schnell einschlief.
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| 08.10.01 |
Viertel vor Acht wollte ich beim Arzt sein.
Mein Frau weckte mich um halb sieben. Kaum das ich wach wurde, schossen
mir gleich unzählige Gedanken durch den Kopf. Was ist wenn du wirklich
Hodenkrebs hast? Wie lange wirst du noch leben? Was passiert mit Dir? Ist
Hodenkrebs heilbar? Ich wusste gar nicht mehr was ich denken sollte.
Eigentlich wollte ich gar nichts mehr essen, aber irgendwie machte ich
alles mechanisch. Auch meine Frau hatte schon mehrfach an Hodenkrebs
gedacht, aber darüber gesprochen hatten wir bis zum jetzigen Zeitpunkt
noch nicht darüber. Wir wollten es einfach nicht wahrhaben oder auch
nicht wissen. Und trotzdem war alles ruhig beim Frühstück. Ich machte
mich danach anschließend auf um zum Arzt zu fahren. Meine Frau sagte, das
sie ihr Handy zur Arbeit mitnehmen werde, damit ich ihr nach meinem
Arztbesuch direkt die Diagnose simsen könne. Beim Arzt angekommen saßen
schon einige Patienten im Warteraum. Es waren 6, denn ich rechnete mir aus
in 2 Stunden sei ich dran. Pro Patient hatte ich 20 Minuten gerechnet. Ich
weiß auch nicht mehr warum, aber ich glaube, ich wollte einfach nur meine
Angst überspielen. Man macht überhaupt sehr viel verrücktes wenn man
Angst hat. Mit 2 Stunden komme ich schon hin, dachte ich und musste daran
denken, dass ich um 11 Uhr
meinen Pressetermin hatte und ich kalkulierte eine dreiviertel Stunde Fahrtzeit
ein. Doch es dauerte länger - ich glaubte das jedenfalls. Ich hatte
jegliches Zeitgefühl verloren. Daher bat ich die Sprechstundenhilfe mich schnellstmöglich ran zu nehmen, weil ich
noch einen Termin hätte. Es war halb 10, ich weiß es ganz genau weil im
Radio gerade die Kurznachrichten liefen, hörte ich meinen Namen rufen.
Ich war der nächste. Wie in Trance ging ich in das Sprechstundenzimmer
und reichte dem Arzt die Hand. Kaum das wir saßen erzählte ich von meinem
Problem. Darauf hin musste ich meine Hosen runterlassen und mich auf die
Liege legen. Per Ultraschall untersuchte er meinen Hoden. Nur einen kurzen
Augenblick später sprach er: "Erschrecken sie nicht. Es ist ein
Tumor". Peng!!!!!!!!!.
Da knallte er mir das so unvermittelt um die Ohren das
ich richtig zusammen zuckte. Eigentlich hatte ich es ja schon geahnt, aber
die Wahrheit zu erfahren war weitaus schlimmer als ich dachte. Ich
brauchte einige Zeit um die Diagnose zu schlucken. Verarbeiten konnte ich
das nicht. Für mich brach eine Welt zusammen. ICH HABE KREBS. War das
mein Todesurteil? Wie lange habe ich noch zu leben? Ich wusste ja nicht
wie schlimm alles ist und ob ich schon Metastasen im Körper habe. Der
Arzt sprach von einem schnellst möglichen OP Termin und sagte das der
Hoden wohl nicht mehr zu retten sei. Werde ich jetzt etwa auch noch
impotent? Es war schon merkwürdig. Irgendwie hörte ich die Worte des
Arztes, als wenn sie von ganz weit weg kamen. Am besten schon morgen ins
Krankenhaus, sagte er. Das geht doch gar nicht, schoss es mir durch den
Kopf. Ich muss doch noch arbeiten und habe in drei Tagen eine
Sondersendung zu moderieren. Also bat ich den Arzt den OP Termin auf
Freitag zu verlegen. Erst schaute er mich noch ungläubig an und zeigte
sogar Verständnis für meine Reaktion. Das scheint wohl allgemein so
üblich zu sein. Also versuchte er alles auf den Freitag zu legen. Er bat
mich morgen früh nüchtern zur Blutabnahme zu kommen und damit er noch
mal röntgen konnte. Mir war zum heulen zumute.
Als ich die Praxis verlies hatte ich ein großes Problem. Mir wurde soeben
mitgeteilt, das ich Krebs habe, aber es war keiner da der mir helfen
konnte. Der mich psychisch unterstützt. Ein Arzt kann zwar die Diagnose
erstellen, aber irgendwie fehlte da die helfende Hand die versuchen
könnte mich zumindest psychisch zu unterstützen. Gedanklich war ich bei
meiner Frau auf die ich mich freute, soweit ich überhaupt von Freude in
dem Moment sprechen konnte. Aber immerhin konnte sie mich in den Arm
nehmen und trösten, auch wenn sie unter dieser Krankheit leidet wie ich.
Aber ich war nicht allein.
Arbeiten konnte ich heute aber nicht mehr. Also machte ich mich auf um
sofort zum Sender zu fahren. Es war kurz vor 10, also konnte jemand
anderes den Pressetermin wahrnehmen. Als ich im Auto saß musste ich
irgendwie meiner Frau Bescheid geben. Anrufen, oder schicke ich lieber
eine SMS? Ich entschied mich für eine SMS. Nur wie teile ich ihr das mit?
Lange um den heißen Brei herum schreiben brachte auch nichts. Also
verfasste ich einen kurzen Text und schickte ihn ab. Es waren nur zwei
Worte: DIAGNOSE HODENKREBS. Sofort klingelte mein Handy. Meine Frau
versuchte mich direkt nach Hause zu lotsen, doch ich wollte erst zum
Sender. Irgendwie musste jemand anderes meinen Termin wahrnehmen. Das
teilte ich ihr mit. Sie fuhr allerdings sofort nach Hause. Ich fuhr also
zum Sender. Teilweise war mein Blick verschleiert weil mir die Tränen in
den Augen standen. Aber noch konnte ich einen Weinkrampf verhindern. Im
Sender teilte ich kurz und knapp mit das es nicht mehr geht. In einem
abgetrennten Raum saß ich mit dem Programmplaner zusammen und da brach es
aus mir raus. Ich konnte kaum noch aufhören. In dem Moment war mir klar:
Die OP muss schnell durchgeführt werden. Egal wie groß der finanzielle
Verlust sein wird. Denn jeden Tag den ich nicht arbeite verdiene ich auch
kein Geld. Als ich mich einigermaßen wieder im Griff hatte fuhr ich
sofort nach Hause. Meine Frau öffnete die Haustür und wir nahmen uns im
Arm und heulten wie die kleinen Kinder. Doch komischerweise konnte ich
mich relativ schnell wieder beruhigen. Meine Tränen waren kaum
vertrocknet, da habe ich die Praxis angerufen. Ich teilte der
Sprechstundenhilfe mit, das ich am liebsten noch morgen operiert werden
möchte. Sie möge das dem Arzt mitteilen. Den Nachmittag verbrachten
meine Frau und ich damit, zunächst viel über den Hodenkrebs zu sprechen.
Im Internet versuchten wir uns Informationen zum Thema zu beschaffen. Eine
erste Erleichterung kam auf als wir lasen, das Hodenkrebs je nach Stadium
sogar zu 100 Prozent heilbar sei. So keimte bei uns die erste Hoffnung
wieder auf, das wir noch lange miteinander leben dürfen. Immerhin waren
wir gerade mal etwas mehr als ein Jahr verheiratet und wir hatten uns
mindestens 40 Jahre versprochen. Und dann das. Also darf uns der Krebs
auch keinen Strich durch die Rechnung machen. Damit bauten wir uns
zunächst mal Gegenseitig auf. Und natürlich die Hoffnung, das der Krebs
verkapselt sein könnte, lies uns ein wenig wieder atmen. Einigen engsten
Freunden teilte wir die Hiobsbotschaft mit. Irgendwie musste es ja raus,
denn alleine konnten wir es zumindest nicht verkraften. Den Rest des
Nachmittages verbrachten wir damit, Schlafanzüge zu kaufen. Ich hatte ja
keine. Wir rechneten mit 6/7 Tagen Aufenthalt.
Das Schlimmste allerdings für uns beide war, unseren Kindern von der
Krankheit zu erzählen. Die beiden bekamen mit das irgendetwas nicht
stimmte. Also mussten wir mit ihnen reden. Nur, wie sagt man das einem 10
jährigen Jungen und einem 12 jährigen Mädchen? Wir wussten es nicht.
Also haben wir erst gar nicht versucht lange um den heißen Brei herum zu
reden. Beide standen da und hörten nur zu. Sie hatten Angst das der Krebs
tödlich sein könnte, genauso wie wir. Wir versuchten auf sie einzureden
und hofften sie ein wenig zu beruhigen. Wir sagten, das es nicht unbedingt
tödlich sein muss. Damit versuchten wir auch uns zu ermutigen. Aber
irgendwie gelang es nicht richtig. Die Angst saß viel zu tief. Es war
zumindest gut, das unsere Kinder noch etwas vorhatten und so einwenig
abgelenkt wurden. Für mich aber gab es noch etwas zu tun. Ich habe aus
meiner vorherigen Ehe noch einen Sohn und der musste auch informiert
werden. Doch am Telefon war das unmöglich. Trotzdem rief ich bei ihm an
und hatte glücklicherweise sein Mutter am Telefon. Ihr konnte ich es
sagen und bat sie das meinem Jungen zu erzählen. Trotz aller
Streitigkeiten die ich vorher mit ihr hatte, all das war jetzt
Nebensächlich. Sie war genauso geschockt wie alle anderen auch.
An diesem Tag stellte ich fest, wenn es einen Menschen schlecht geht, egal
ob man ihn mag oder nicht, sind sie alle geschockt. Dann kommt der Spruch "Ich wünsch
dir alle Gute" wirklich vom Herzen.
Irgendwann an diesem Tag erfuhr auch der Rest der Familie von meiner Krankheit. Wir
haben noch oft und lange an diesem Tag darüber gesprochen und es tat mir
gut mit Menschen zu sprechen die mir sehr Nahe stehen.
Erst spät in der Nacht konnte ich mich ins Bett legen. Ich lag aber noch
lange Wach ehe ich einschlief. Immer wieder musste ich an die Worte des
Arztes denken, die mein, bzw. unser Familienleben beeinflussen wird: "Erschrecken sie nicht. Es ist ein
Tumor".
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